Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen


Jonas Cohn-Archiv

Jonas Cohn (1869-1947)

Philosoph
Pädagoge
Psychologe
Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Freiburg i. Br.



Das Jonas Cohn-Archiv wurde 2001 zur Aufbewahrung und wissenschaftlichen Nutzung von Prof. Dr. Dieter-Jürgen Löwisch als Dauerleihgabe dem Sal. L. Steinheim-Institut überlassen. Es enthält den gesamten wissenschaftlichen und große Teile des privaten Nachlasses des 1947 in der Emigration gestorbenen Freiburger Philosophen und Pädagogen. Zum Nachlass gehören 23 handschriftliche Tagebücher (1911 bis 1946/47), Erinnerungen, Reisetagebücher (1888-1900), systematische Handschriften, persönliche Dokumente (1885-1947) sowie Briefschaften aus den Jahren 1893-1947. Zu den mehr als 260 Briefschreibern mit beinahe 1100 Briefen zählen Bruno Bauch, Rudolf Carnap, Ernst Cassirer, Dora Hitz, Max Frischeisen-Köhler, Edmund Husserl, Karl Jaspers, Richard Kroner, Emil Lask, Theodor Litt, Gustav Mayer, Fritz Medicus, Herman Nohl, Heinrich Rickert, William Stern. Der Nachlass bietet eine Fülle von Material zu philosophischen, pädagogischen, psychologischen Themen, zur Zeitgeschichte, Religion und Literatur. Er ist Spiegel eines bedeutenden deutsch-jüdischen Gelehrtenlebens und seiner Zeit. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft wurde die Onlinepräsentation des Archivs Ende Juni 2011 abgeschlossen.

Lebenswerk

Jonas Cohn Lebenswerk zentriert sich um die wertwissenschaftliche Begründung von Philosophie. Die Wertgebiete des Erkennens, der Sittlichkeit und des Schönen werden kritisch auf den Geltungsanspruch ihres leitenden Wertes geprüft. Zu fragen ist, ob der Anspruch auf allgemeingültige Anerkennung des Gegenstandes zu Recht besteht, welche Voraussetzungen dem zugrunde liegen und welcher Ort im System des Erkennens dem Gegenstand der Untersuchung zukommt. Cohn bedient sich einer an Kant angelehnten Erkenntnismethode, in der der Gegensatz zwischen den Formen des Erkennens (Denkform) und dem zur Erkenntnis aufgegebenen Gegenstand (Denkfremdes) im Erkenntnisprozess dialektisch mit einander verbunden wird. Eine vollständige Erkenntnis ist nie erreichbar, sie bleibt stets als unendliche Aufgabe dem erkennenden Subjekt gestellt. Analog dem philosophischen Erkenntnisstreben versucht der Mensch, Sinn- und Wertorientierung zu finden. In seinen kulturphilosophischen, seinen pädagogischen und ästhetischen Arbeiten, wie etwa in den zahlreichen bisher unbeachteten Aufsätzen zur Literatur, besonders zu Goethe und Ibsen ist die Sinnfrage des Menschen Hauptthema. Cohns „Wertwissenschaft“ ist die letzte große systematische Arbeit, die Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen ist. Die Notwendigkeit der Begründung einer Philosophie der Werte angesichts der Vorherrschaft der wertneutralen Seinswissenschaften in allen Lebensbereichen, die gemäß ihrer theoretischen Voraussetzungen der Zweckrationalität verpflichtet sind und keine Wertorientierung geben können, ist sein zentrales Anliegen. Jonas Cohn hat auch für die aktuellen Wertediskussionen vielfältige Anregungen zu bieten. Seine „Theorie der Dialektik“, die er als Formenlehre der Philosophie bezeichnet, lehrt vor allem eins, dass nämlich die Anerkennung von Gegensätzen nicht zu Willkür oder Skeptizismus verleitet, sondern, bezogen auf die Probleme einer pluralistischen Gesellschaft, zu einer kritisch begründeten Haltung der Einsicht in die Unvollkommenheit der Problemlösung führt.

Stimmen zu Jonas Cohn

Gewiß hat Jonas Cohns Denken sehr viel weniger gewirkt als dasjenige des nur wenige Jahre älteren Heinrich Rickert. Doch ist es deswegen von nicht geringerem Rang. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass gewisse Themenbereiche der theoretischen Philosophie innerhalb der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus fast nur in der Arbeit Cohns Berücksichtigung gefunden haben. ... Gemeint sind die wissenschaftstheoretischen Themenbereiche der speziellen Philosophie der Mathematik und der speziellen Philosophie der empirischen Wissenschaften. (Werner Flach: Die Westdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Werner Flach und Helmut Holzhey, Hg.: Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus. Texte von Cohen, Natorp, Cassirer, Windelband, Rickert, Lask, Bauch [Cohn], Hildesheim 1980, S. 34-61, Zit. S. 57)

Aber auch neben der direkten ‚Marburger Linie’ hatten gerade jüdische Gelehrte wie Arthur Liebert, Richard Hönigswald, Emil Lask und Jonas Cohn an der kantisch gefärbten Erkenntnislehre der Jahrhundertwende entscheidenden Anteil. (Jürgen Habermas: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt/M. 1984, S. 45.)

Es darf aber auch im kurzen Referat nicht ausgelassen werden, ... daß es in diesem Werke [Wertwissenschaft], worin die Arbeit eines ganzen Lebens niedergelegt ist, die eigentlich großartigen Sätze sind, in welchen gerade die Grenzen des Sinnverstehens erörtert werden und an denen somit die Kultur zum Stückwerk wird vor der ‚Unverständlichkeit alles dessen, wovon wir abhängen’. (Dolf Sternberger: Cohn, Jonas, Wertwissenschaft, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 1. Jg., 1932, S. 406-407)

Diese politische Option des Neukantianers Cohn hebt sich deutlich von allen lebensphilosophisch fundierten Optionen ab, sie ist fern allen völkischen und deutschnationalen Vokabulars und der entsprechenden antidemokratischen Vorbehalte, wie sie bei der Mehrheit der Hochschullehrer während der Weimarer Republik sich äußerten. In der vorgestellten pädagogisch-politischen Perspektive Cohns zeigt sich sein Engagement für die demokratische Republik, wie es 1932 bei keinem der hier untersuchten Pädagogen noch angetroffen wird. (Bernd Weber: Pädagogik und Politik vom Kaiserreich zum Faschismus. Zur Analyse politischer Optionen von Pädagogikhochschullehrern von 1914-1933, Königstein 1979, S. 256)

Von allen Neukantianern der Gegenwart hat Jonas Cohn das Problem der Dialektik am umfassendsten behandelt. Er hat Dialektik und strengen Kritizismus zu vereinen gesucht und damit in der Philosophie der Gegenwart den Typus kritischer Dialektik hervorragend ausgebildet. Das Postulat, nachhegelisch, gerade deswegen aber nichthegelisch zu philosophieren, kennzeichnet sein Programm. (Siegfried Marck: Die Dialektik in der Philosophie der Gegenwart, 2. Halbband, Tübingen 1931, S. 1)

Da Cohns Gedanken zur Pädagogik auch heute noch (und heute wieder) höchste Beachtung verdienen und äußerst diskussionswert sind, muß es unverständlich erscheinen, dass sie völlig in Vergessenheit geraten sind. Vielleicht erreicht es die vorliegende Textsammlung, dass die pädagogische Welt auf diesen Denker wieder aufmerksam wird. Er hat es in der Tat verdient. (Dieter-Jürgen Löwisch: Jonas Cohns System der Pädagogik, in: Jonas Cohn. Vom Sinn der Erziehung. Ausgewählte Texte. Besorgt von Dieter-Jürgen Löwisch, Paderborn 1970 , S. 217-231, Zit. S. 231)

L`Histoire du problème de l`infini dans la pensée occidentale jusqu`à Kant, de Jonas Cohn que nous publions pour la première fois en français reste, de l`avis de tous les spécialistes, le seul ouvrage historique qui couvre l`ensemble de la question (au moins jusqu`à la fin du XVIII siècle).(Jonas Cohn: Histoire de l’infini. Le problème de l’infini dans la pensée occidentale jusqu’à Kant. Traduction de l’allemand et présentation par Jean Seidengart, Paris 1994, S. 10)

Literatur

  • Margret Heitmann: Jonas Cohn. Das Problem der unendlichen Aufgabe in Wissenschaft und Religion, Hildesheim 1999.
  • Margret Heitmann: Jonas Cohn, in: Metzler Lexikon Jüdische Philosophen, Philosophisches Denken des Judentums von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. von Andreas B. Kilcher und Ortfried Fraisse unter Mitarbeit von Yossef Schwartz, Stuttgart, Weimar 2003, S. 315-317.
  • Hartwig Wiedebach: Hirntod als Wertverhalt. Medizinethische Bausteine aus Jonas Cohns Wertwissenschaft und Maimonides’ Theologie, Münster 2003. (Buchhinweis dazu in: Kalonymos, 7. Jg., Heft 2, 2004, S. 6-8)
  • Margret Heitmann: „Wir leiden doch wahrlich nicht an einem Zuviel von Verstand und Nachdenken“. Jonas Cohn und seine Zeitgenossen in Materialien und Briefen aus dem Nachlass, in: Memoria – Wege jüdischen Erinnerns. Festschrift für Michael Brocke zum 65. Geburtstag. Hg. Birgit E. Klein und Christiane E. Müller, Berlin 2005, S. 461-476.
  • Kurt Walter Zeidler: Selbstkontinuation, Korrelation und Dialektik: Bruno Bauch, Richard Hönigswald und Jonas Cohn, in: Systemphilosophie als Selbsterkenntnis. Hegel und der Neukantianismus, hrsg. v. Hans Friedrich Fulda/Christian Krijnen, (=Studien zum System der Philosophie, Bd. 7), Würzburg 2006, S. 159-176.
  • Christian Krijnen: Philosophie als System. Prinzipientheoretische Untersuchungen zum Systemgedanken bei Hegel, im Neukantianismus und in der Gegenwartsphilosophie, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2008. Zu Jonas Cohn besonders [Kapitel 5 "Der Systemgedanke in der Entwicklung des südwestdeutschen Neukantianismus"] S. 269-357.
  • Margret Heitmann: Zum Begriff der Negation bei Jonas Cohn, in: Verneinung, Andersheit und Unendlichkeit im Neukantianismus. Hg. Pierfrancesco Fiorato, Würzburg 2008, S. 135-147.
  • Das Jonas Cohn-Archiv - online präsent, in: Kalonymos, 14. Jg., Heft 4, 2011, S. 15.
  • Hartwig Wiedebach: Vorrecht der Bejahung vs. Urteil des Wiederspruchs. Das Denkfremde bei Jonas Cohn und Hermann Cohen, in: Marburg versus Südwestdeutschland. Philosophische Differenzen zwischen den beiden Hauptschulen des Neukantianismus, hrsg. v. Christian Krijnen und Andrzej J. Noras (=Studien und Materialien zum Neukantianismus, Bd. 28), Würzburg 2012, S. 163-174.
  • Margret Heitmann: Martin Heidegger et Jonas Cohn, côte à côte et dos à dos dans une époque fatidique. Rencontres en manuscrits, lettres et documents, in: Bulletin Heideggerién (Bhdg) Jahrgang 3, 2013, S.4-30.
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