Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Deutschland

„Das bedrückende Gefühl, zu wenig für die Würdigung des Bundes getan zu haben, versuchte ich später etwas zu kompensieren“ Susanne Miller


Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund - kurz auch Bund - genannt wurde 1897 in Russland gegrün­det und entwickelte sich zu einer der stärksten Parteien in den Regionen Osteuropas, in denen Juden lebten. Im Gegensatz zum damals ebenfalls entstehenden modernen Zionismus lehnte er die Auswanderung nach Palästina ab. Seine Ideologie war die Doigkeit, was bedeutete, dass die „ostjüdische“ Bevölkerung überall dort, wo sie lebte, kulturelle Autonomie erkämpfen sollte. Das erste Mal stieß ich vor circa zweieinhalb Jahren auf den Bund, während ich mich mit der Geschichte des Warschauer Ghettos und dem Widerstand der jüdischen Bevölkerung beschäftigte. Auch die Lieder von Mordechai Gebirtig führten mich zu diesem Thema. Die Lektüre der „Stan­dardliteratur“ auf Deutsch und Englisch ergab neben den Information zum Bund in Osteuropa erste Hinweise auf den Bund in anderen Ländern wie Kanada, USA, Israel, Großbritannien oder auch Frankreich. Mir stellte sich aber die Frage: In wieweit war der Bund in Deutschland aktiv?

Erste Informationen zur Partei in Deutschland finden sich unter anderem bei Ludger Heid (Maloche nicht Mildtätigkeit. Hildesheim 1995) und Trude Maurer (Die Ostjuden in Deutschland 1918-1933. Hamburg 1986). Nach nun mehr anderthalb Jahren der Erstuntersuchung des Themas ist es wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Deutschland für diese Partei eines der wichtigsten Länder war. Das zeigt sich unter anderem an der hohen Dichte von Studentenorganisationen des Bundes im Reichsgebiet am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch war die deutsche Sozialdemokratie dem Bund häufig behilflich, Literatur ins zaristische Russland zu schaffen. Später war das Archiv des Bundes von 1919-1933 im Gebäude des Vorwärts ansässig. Neben der Verbundenheit an der Basis zwischen Bundisten und deutschen Sozialdemokraten, muss man aber noch die Verbindungen zwischen den Führungen beider Parteien erwähnen. So war zum 80igsten Geburtstag Bernsteins, der sich für Poale Zion engagierte, trotzdem ein Vertreter des Bundes eingeladen. Auch organisierten Basis wie auch Führung der SPD zusammen mit dem Bund Demonstrationen, wie 1902 nach der Ermordung Hirsh Lekerts. Allein in Berlin waren 3.000 Sozialdemokraten beteiligt. 1931 unterstrichen 20.000 deutsche Genossen ihre Solidarität mit den verfolgten Menschewiki in Russland. Redner auf dieser Veranstaltung war Rafail Abramovich, zwar offiziell zu der Zeit nur Menschewiki, brachte er im gleichen Jahr eine Broschüre heraus, in der der Bund als Herausgeber genannt wurde. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden diese Kontakte weiter. So war Willy Eichler, einer der Verfasser des Godesberger Programms und führender Sozialdemokrat, Bundist, was die starke Verbindung verdeutlicht und in Deutschland wirkten bis in die 1950er Jahre eine kleine Gruppe von Bundisten.

Daher ist sowohl die konzeptionelle, aber auch die praktische Zusammenarbeit auf beiden Ebenen zu untersuchen. Und zwar bezüglich der unterschiedlichen Phasen in der deutschen und euro-päischen Geschichte. Es gibt aber genügend Anhaltspunkte dafür, dass die Geschichte des Ar-beiterbundes in Deutschland nicht nur Geschichte einer Exilorganisation ist, sondern tief mit der Geschichte der deutschen – und weiter: der europäischen Arbeiterbewegung – verwoben ist.


Folgende Aspekte sollen genauer untersucht werden:


Der Bund in Deutschland 1898-1914

  • Der Einfluss des Bundes auf hiesige russische Studentenorganisationen
  • Jüdische Arbeiter in Berlin, Mannheim und Offenbach
  • Berlin als Knotenpunkt für den Bund
  • Bund und SPD- Hilfe und Verbindungen
  • Verbindungen unter den Gruppen

„Ostjüdische Arbeiter“ und bundistische Flüchtlinge 1914-1933

  • Bundistische Arbeiter in Deutschland, mit besonderem Augenmerk auf das Ruhrgebiet und Berlin
  • Bundisten in deutscher Kriegsgefangenschaft
  • Verhältnis zu anderen jüdischen Organisationen (z.B. Poale Zion)
  • Flüchtlinge in Berlin, Kossovski, Mutnik und anderer
  • Die Rolle des Bundes unter den Exil-Menschewiki
  • Das Bundarchiv


Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

  • Ausweisung und Widerstand
  • Hilfe für deutsche und österreichische Sozialdemokraten im Exil
  • Arbeit in deutschen Displaced Person Lagern
  • Verbindungen des Bundes zur SPD nach ihrer Neugründung in Deutschland
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