Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Die Juden im Mittelalter

Ein Online-Handbuch für Lehrer und Dozenten in Schule, Hochschule und kultureller Bildungsarbeit

Projektskizze

Nicht mit Moses Mendelssohn, sondern mit Süßkind von Trimberg betreten wir jenen widerspruchsvoll-schmerzhaften, aber auch farbenprächtigen deutsch-jüdischen Weg. In der Kultur und Gesellschaft fanden sich Juden und Nichtjuden, lange bevor sie sich in einer gemeinsamen Sprache fanden, verloren und wiederfinden mussten. (Frank Stern: Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ein Jahrtausend jüdisch-deutsche Kulturgeschichte, Berlin 2002. S. 53)

Hier geht es zum Online-Handbuch.

Dieser aktuellen Forschungsposition stehen in den letzten Jahren zwei bildungspolitische Tendenzen entgegen:

Zum einen der Trend, die so reiche Epoche des Mittelalters immer mehr in Bildungsplänen und im konkreten Lernalltag des Geschichts-, Literatur und Kunstunterrichtes an den Rand zu drängen. Zum anderen ist speziell für die deutsch-jüdische Geschichte eine Reduzierung auf die Thematik der Verfolgung und des Holocaust festzustellen - entgegen allen Empfehlungen der Schulbuchforschung, der Judaistik, der Vorurteilsforschung sowie der Geschichtsdidaktik, wie z.B. die 2008 mehrfach geäußerten kritischen Stellungnahmen des Georg-Eckert-Instituts oder des Hessischen Geschichtslehrerverbandes. Die vom Kultusministerium im März 2008 anberaumte Möglichkeit, künftig einen Anteil des Wochenstundenvolumens als „Wahlunterricht für besondere pädagogische Ansätze“ (z.B. Projekte) zu verwenden, lässt darauf hoffen, dass die Vielstimmigkeit und jahrhundertelange Verwobenheit der deutsch-jüdischen Geschichte (trotz „Turbo-Abitur“) vermittelbar bleibt - sei es in einer vertiefenden Unterrichtsreihe, als Projektwoche, als fächerübergreifendes kulturelles Bildungsangebot oder durch eine Exkursion am außerschulischen Lernort. Aber nicht nur für Lehrkräfte an Schulen, sondern auch im Lehramtsstudium und in der Lehrerbildung gilt es, auf zukünftige Möglichkeiten der Platzierung und Vermittlung dieser Thematik aufmerksam zu machen und gezielte Information sowie Materialien schnell zugänglich zu Verfügung zu stellen.

Das Anliegen des Online-Handbuches ist es daher,

  • über die verschiedenen Themenfelder und Infotafeln des Online-Portals eine stichwortartige und flexible Informations- und Materialsuche zu ermöglichen, die je nach Unterrichtssetting, Lehrsituation und Zielgruppe dann individuell vom User zusammengestellt werden kann
  • um dieses „Baukasten-Prinzip“ etwas vor zu strukturieren, sind die 10 Infotafeln in vier übergreifenden Themenfelder zusammengefasst, die jeweils verschiedene inhaltliche Zugänge und Schwerpunkte anbieten. Querverweise und Links erlauben es aber gleichzeitig, problemlos zwischen den Themenfeldern zu springen
  • die beiden dynamisch gehaltenen Fenster „Impulse für den Unterricht“ und „Impulse für außerschulische Lernorte“ sind dazu gedacht, eine Plattform anzubieten, um durchgeführte Unterrichtsreihen, Projekte und Workshops exemplarisch vorzustellen. Eine Kooperation im Bereich der Referendars-Ausbildung ist hier bereits in Planung, ebenso wie die Durchführung von Lehrerbildung-Workshops in NRW und Hessen ab Herbst 2009. Die genauen Termine hierfür werden noch rechtzeitig bekannt gegeben
  • Durch gezieltes und bedarfsgerechtes Ausdrucken des Quellenmaterials erleichtert sich die konkrete Unterrichts- oder Seminarvorbereitung zu Hause und macht – mehr noch als in Buchform - einen flexiblen, situativen und kreativen Zuschnitt der Materialien für die jeweilige Vermittlungssituation möglich

Und nicht zuletzt ermöglicht es die gewählte Medienform, neben der Einbeziehung bewährter Quellen und Materialien zusätzliche Texte und Quellen (teilweise aus dem Institutsbestand) zugänglich zu machen, mit dem Ziel

  • eine verstärkte Einbeziehung der jüdischen Perspektive
  • die Akzentuierung konstruktiver Phasen im christlich-jüdischen Zusammenleben des Mittelalters

zu ermöglichen und somit

  • die (neben den Phasen der Verfolgung existenten) interkulturellen Interaktions-Räume wie auch die wechselseitigen Beeinflussungen im vor- und frühmodernden Europa sichtbar zu machen

Dies kommt auch visuell zum Ausdruck durch das Nebeneinander- und Gegenüberstellen

  • von jüdischer und christlicher Perspektive
  • von Bildern und Normen einerseits und realer Alltagswelt andererseits

Das im April 2007 gestartet Drittmittelprojekt am Salomon Ludwig Steinheim-Institut wurde gefördert durch das Leo-Baeck-Programm „Jüdisches Leben in Deutschland: Schule und Fortbildung. Eine gemeinsame Initiative der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts e.V., der Stiftung 'Erinnerung, Verantwortung und Zukunft' und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung“.


Kontakt: K. Stoye (Projektleitung): ustoye@web.de


Erweiterung des „Online-Handbuchs“:

(verfasst von Fr. Roos/ Alte Synagoge, Erfurt)

2007 begann das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte mit der Erarbeitung eines Online-Handbuchs für Lehrerinnen und Lehrer über das jüdischen Lebens im Mittelalter im rheinischen Gebiet. Es entstand ein 100-seitiges Handbuch für Lehrer zur Bearbeitung des Themas „jüdisches Leben im Mittelalter“ im Unterricht mit inhaltlichen und methodischen Hinweisen sowie regionalgeschichtlichem Quellenmaterial und ist als Vorabversion unter dem folgenden Link abrufbar: Online-Handbuch.

In einer zweiten Projektphase wurden auf dem Online-Handbuch aufbauend drei Lehrerfortbildungen angeboten, davon führte eine nach Erfurt. In Zusammenarbeit mit der Alten Synagoge entdeckten Lehrer und andere Multiplikatoren der historisch-politischen Bildungsarbeit die historischen Parallelen, aber auch Unterschiede zwischen dem mittelalterlichen jüdischen Leben am Rhein und in Thüringen.

Angeregt durch diese konstruktive Zusammenarbeit soll in einer dritten Projektphase 2013/ 2014 in Kooperation zwischen der Alten Synagoge Erfurt und dem Steinheim-Institut die Vorabversion des Online-Handbuchs regionalgeschichtlich - vergleichend erweitert werden, so dass zu den vorhandenen Schwerpunkten „Rheinische Gemeinden“ und „SCHUM-Gemeinden“ nun auch die „Thüringische Judenschaft im Mittelalter“ hinzukommt. Für die Ausarbeitung der wissenschaftlichen Hintergründe und historischen Quellenlage konnten bereits Vorabgespräche mit der Historikerin Dr. Maike Lämmerhirt geführt werden. Die didaktische Einbindung der Materialien übernimmt die Museumspädagogik der Alten Synagoge, die sinnvolle Einbettung in den Gesamtkontext des Handbuchs die Historikerin und Pädagogin Katharina Stoye vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut, die das Projekt seit seinen Anfängen begleitet.

Thüringen profitiert hierbei von den bereits geleisteten Vorarbeiten, z.B. müssen die einführenden Tafeln nicht vollständig neu geschrieben, sondern nur um einen Thüringen-Bezug erweitert werden. Außerdem steht das Layout des Buches sowie seine Online-Präsenz bereits. Das erweiterte Online-Handbuch ermöglicht es den thüringischen Lehrern, den Themenkomplex „Juden im Mittelalter“ fundiert in den Unterricht einzubetten und durch regionale Bezüge anschaulicher zu machen. Das Online-Handbuch umfasst jedoch nicht nur regionalgeschichtliches Quellenmaterial, sondern gibt auch Tipps und Hinweise für den Besuch von außerschulischen Lernorten in Thüringen, stärkt somit die Zusammenarbeit zwischen Schule und Museum.

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