Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Rav Zev Walter Gotthold, gest. am 15. Februar 2009 im Alter von 92 Jahren in Jerusalem

Vor inzwischen 13 Jahren lernte ich Rav Gotthold in seiner Wohnung in der Volta HaIllit-Straße kennen, und natürlich – wie alle deutschen Studenten des Judentums, die ihn besuchen durften – war ich vom ersten Moment an nichts als sein Schüler. Die kleinste Frage öffnete breite Schleusen der Gelehrsamkeit. Das ging in der Regel so: Am Anfang kam die kalte Dusche. Immer war ich zu naiv; immer mußte erst der eigentliche Sinn der Frage ausfindig gemacht werden. Nicht selten fühlte ich peinlich den Unwillen des Rav über mein stümperhaftes Beginnen. Das eigentlich Pädagogische aber war dann, daß er mir niemals alles aus den Händen riß. Immer blieb ein Stück übrig, das ihm ein ernsthaftes Suchen wert schien, auch wenn es in eine ganz andere Richtung ging, als ich zu Anfang gemeint hatte.

Der Rav stand auf, ging in ein Nebenzimmer – in der alten Wohnung meist das unmittelbar anstoßende, worin talmudische und philosophische Quellen sowie die Bibelkommentare versammelt waren – und kam mit einem oder mehreren Bänden aus seiner umfangreichen und in einigen Schwerpunkten durchaus aktuell gehaltenen Sammlung von Klassikern und Forschungsliteratur zurück. Zielsicher wurde die passende Seite aufgeschlagen; ich bekam das Buch in die Hand gedrückt, der Rav schwieg, und ich durfte nun mit der, meist hebräischen und nach Art jüdischer Kommentare höchst lakonisch verdichteten Sentenz irgend eines der großen Rabbiner oder Geonim aus Sura, Pumbedita, Cordoba, Toledo, Fostat, Wilna usw. klarkommen. Das klappte natürlich nicht in der vom Rav zugemessenen Zeitspanne, und so mußte er die Sache erneut übernehmen. Es wurde eine Fotokopie erstellt, darauf mit Leuchtstift die entsprechende Passage markiert und mir das Ganze bis zum nächsten Besuch mitgegeben: „das Übrige geh’ und lern’“. Nicht selten verließ ich mit einem ganzen Konvolut solcher Kopien seine Wohnung und brachte Stunden mit dem Durcharbeiten zu – niemals aber, ohne in jedem Detail dieser Belehrung mit größtem Staunen einen Blick in die Landschaft seiner Tradition geworfen zu haben.

Für uns war die Begegnung mit Rav Gotthold eine der sonst nahezu unmöglich gewordenen Gelegenheiten zum unmittelbaren Eintauchen in die große Zeit rabbinischer und ästhetischer Kultur des deutschen Judentums. Hermann Cohen noch machte dem Neffen eines seiner Freunde Karl Simrocks Übersetzung des Nibelungenliedes zum Bar Mizwa-Geschenk; Rav Gotthold wiederum erhielt zum selben Anlaß Cohens Jüdische Schriften – beides damals keine Ausnahme und beides inzwischen kaum mehr vorstellbar.

Hartwig Wiedebach 17.2.2009

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