Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Steinheim-Blog

FAZ 20. April: Robert Spaemann: „Gott ist kein Bigamist“ - also Judenmission!

Albern titelnd attackiert der katholische Philosoph eine Verlautbarung des Gesprächskreises „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Sie lehnt die Missionierung von Juden ab und wünscht stattdessen den Dialog und die gegenseitige Bezeugung des je Eigenen. Solches Zeugnis hat stets zu individuellen Entscheidungen geführt, die religiöse Affiliation zu wechseln, es wird auch weiterhin dazu führen. Die theologischen Begründungen, die Spaemann für eine Pflicht der katholischen Kirche zur „Judenmission“ anführt, mögen teilweise triftig sein, sie gehen uns hier nicht an. Da sie auf die Epoche von Entstehung und Frühzeit des Christentums fixiert sind, lassen sie keinen Funken historischen Denkens oder irgendwelche Rücksichten auf die Geschichte erkennen. Sie sind davon rein, sind doktrinär.

Das überaus Geschmacklose, das zutiefst Taktlose der Spaemannschen Polemik aber liegt in der universalistischen Arroganz, mit der sie Edith Stein und Jean M. Kardinal Lustiger, eine Ermordete und einen Überlebenden des Holocaust, in Anspruch nimmt für seine These der unbedingten Erfüllung des Judentums mittels des Glaubens an den Messias Jesus und damit die der gottgewollten „Identität“ von Judentum und Christentum. Edith Stein stirbt „für den Unglauben unseres Volkes“, Lustiger lebt die Erfüllung. Jeder hat die persönlichen Überzeugungen dieser Konvertiten zu respektieren. Sie als Kronzeugen für die Erfüllung von „Identität“ zu präsentieren – soll das etwa von Glaubenskraft, von genuiner Katholizität zeugen?

Zeugt es nicht weit mehr von Übertrumpfungstheologie, die die Kirche übergenug und mehr als ihr guttat, braucht, um ihre höchstselbige Identität zu kräftigen und das fortexistierende Judentum zu verdauen? Uns erscheint es nur peinlich für einen Katholiken, einen deutschen zumal, die christliche, die katholische, die deutsche Geschichte zu ignorieren und mittels der „Identität“ einer heiligen Konvertitin darüber hinwegzugehen, dass der Zivilisationsbruch vor allem von Christen, von gläubigen, lauen und praktizierenden Christen auf schier unfassbare Weise ins Werk gesetzt worden ist.

Aber Takt, gar Demut oder Bußfertigkeit können natürlich für einen deutschen katholischen Philosophen des Jahrgangs 1927 keine „Gründe“ sein, auf „Judenmission“ zu verzichten.

Man frage Spaemann zweierlei: Gibt es in der Geschichte der Kirche nicht unterschiedliche Epochen und Phasen, in denen der eine oder andere Bereich eines immensen Lehrgebäudes zurücktritt und kaum aktiviert ist? Bringt denn die Kirche der Gegenwart all ihre Wesensmerkmale und wichtigsten Aufträge voll zur Geltung? Entfaltet sie ihre missionarische Aktivität „für alle Völker“? Wie eigentlich begegnet „Moslemsmission“ dem Anspruch des Islam, Erfüllung seiner Vorgänger zu sein? Was ist mit ihrem Eintreten für verfolgte Glieder des Körpers, dessen Haupt Christus ist?

Und man wüsste gern, ob Spaemann ahnt, wem die heutige Kirche ihre Fähigkeit zum Dialog mit den Juden verdankt? Ist ihm bewusst, dass es vor allem Juden waren, die in und unmittelbar nach der NS-Zeit auf die Kirche zugegangen sind, dass die Zahl der zum Christentum konvertierten Juden und Jüdinnen, die den Dialog gewünscht und angestoßen haben, durchaus größer war als die Zahl der nach 1945 dazu bereiten Christen, die sehr, sehr schütter war … Jene sind nun alle tot und können einen Spaemann nicht bewegen.

Es ziemt sich nicht, das Sterben von Edith Stein und das Leben von Jean Marie Lustiger auszuschlachten auf der ihm anonymen massa damnata der von Gläubigen beseitigten Ungläubigen, Juden vorweg, die doch letzlich so „identisch“ sind für einen Gott, da dieser laut unserem Philosophen kein Bigamist. Wie sagte es ein Prediger des Regensburger Doms vor wenigen Jahrzehnten: „Wir müssen den Juden in uns bekämpfen“. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Verglichen mit compelle intrare und dem Morden sind Judenmission und Karfreitagsbitten um endliche Erleuchtung harmlos - für Juden. Und für die Spaemannsche Kirche? Sie tue nur ihre Pflicht. Was braucht sie Feingefühl aus Gottvertrauen, hat sie nur solche Pamphletisten. mb

Gott ist kein Bigamist. Von Robert Spaemann (FAZ.NET 20. April 2009)

Erklärung: Nein zur Judenmission

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